HINEIN IN DEN GRAUENDEN MORGEN

„Drei, zwei, ein L i e d !“, hieß es beim Marsch der Soldaten, wenn er ihnen aus Gründen der Mobilität nicht geblasen werden konnte, so dass sie ihn selber singen oder ggf. brüllen mussten. „Heute wollen wir marschier’n, einen neuen Marsch probier’n, in dem schönen Westerwald, denn da pfeift der Wind so kalt.“ Ja, der Marsch, der hat 'nen Rhythmus, so dass im Gleichschritt gleich ein jeder mitmuss. Und so ist mancher mitgelaufen, der es vielleicht gar nicht wollte, geradewegs in den Tod.

Selbst in den Konzentrationslagern war es üblich, dass die Häftlinge Marschlieder singen mussten, als läge ihre Zukunft, was die meisten wohl zurecht wähnten, im (M)arsch. Zum täglichen Bestandteil des Appellablaufes im KZ Buchenwald gehörte auf Geheiß der SS das Lied „Liegt ein Dörflein mitten im Walde / überdeckt vom Sonnenschein. / Und" – wer hätte es gedacht? – „vor dem letzten Haus an der Halde / sitzt ein steinalt‘ Mütterlein“, nach dem Gedicht „So einer war auch er“ von Arno Holz (1863-1929).
Der im KZ Buchenwald als Schutzhaftlager-Führer eingesetzte SS-Offizier Arthur Rödl forderte Ende 1938 Häftlinge auf, für das Lager in Buchenwald ein weniger rührseliges Lied zu schreiben. „Alle anderen Lager haben ein Lied“, erklärte er, „wir müssen auch ein Buchenwald-Lied bekommen. Wer eines macht, bekommt 10 Mark.“
Viele Entwürfe von selbsternannten „Dichtern“ und „Komponisten“ wurden vorgelegt, fanden aber bei der SS-Führung keinen Beifall. Nur das Lied, das schließlich auch zur offiziellen „Buchenwald-Hymne“ erklärt wurde, setzte sich durch, weil der Capo, ein „Funktionshäftling“, der die Poststelle verwaltete, über die nötigen Verbindungen bei der SS verfügte. Er bezeichnete sich selbst als Verfasser von Wort und Melodie des Liedes.
In Wahrheit ist das Lied von zwei österreichischen Häftlingen gemacht: der Text von Löhner-Beda, die Musik von Leopoldi, einem Wiener Klavierhumoristen und Komponisten. Beide waren zunächst ins KZ Dachau überstellt worden. Später, im September 1938, hatte man sie ins KZ Buchenwald deportiert.

 

Das „Buchenwaldlied“ wurde Standard beim Appell und anderen Gelegenheiten. So wurde es im KZ Buchenwald auch als Marschlied gespielt, wenn die Arbeitskolonnen ein- und auszogen.
Wenn der Tag erwacht, eh’ die Sonne lacht,
die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn
hinein in den grauenden Morgen.
Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,
und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot
und im Herzen, im Herzen die Sorgen.
O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen,
wie wundervoll die Freiheit ist!
O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen trotzdem  j a  zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei!
 
Der Auftraggeber des Durchhalteliedes wider den „grauenden Morgen“ wurde in den letzten Kriegsjahren zum „Höheren SS- und Polizeiführer“ befördert. Hierzu war er in die Ukraine nach Kiew beordert worden. 1944 wurde er zur Waffen-SS versetzt. Vor dem absehbaren Ende, das sich ihm dort unmittelbar zeigte, „graute“ ihm alsbald, so dass er sich mit einer Handgranate in die Luft sprengte. Das zum Thema: „Wir wollen trotzdem  j a  zum Leben sagen“.
Der Texter des Buchenwald-Marsches, Fritz Lohner, Pseudonym Beda, meist Löhner-Beda genannt (schrieb u. a. für Franz Lehár „Das Land des Lächelns“, für Paul Abraham „Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“ und „Ball im Savoy“), wurde im Herbst 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort musste er im BUNA-Werk der IG Farben AG Zwangsarbeit leisten. Nachdem eine Gruppe inspizierender I.G.-Farben-Direktoren die Arbeitsleistung des erkrankten 59-Jährigen bemängelt hatte, habe einer von ihnen zu seinem SS-Begleiter gesagt: „Diese Judensau könnte auch rascher arbeiten.“ Nachdem die Inspektion vorbei war, wurde Dr. Löhner-Beda aus dem Arbeitskommando geholt, von einem Capo geschlagen und mit Füßen getreten, so dass er als Sterbender zum Lager zurückkam und sein Leben in der I.G.-Fabrik Auschwitz beendete.
Für den Komponisten Herrmann Leopoldi ergab sich hingegen ein glücklicherer „Ausweg“. Seine Frau, die bereits in den USA war, und deren Eltern konnten Leopoldi „freikaufen“ und schickten ein „Affidavit“ (engl. deponent oder affiant). Damit konnten während der Zeit des Nationalsozialismus Familienangehörige, Freunde und qualifizierte Organisationen in Staaten außerhalb Deutschlands (nach dem „Anschluss“ außerhalb Deutschlands und Österreichs) mit einer beglaubigten Bürgschaftserklärung Verfolgten die Einreise in Überseeländer (Vereinigtes Königreich, USA) ermöglichen, die dadurch der nationalsozialistischen Verfolgung auf dem Kontinent entkamen.
Leopoldi gelangte über Hamburg nach New York, wo er von Familie und Reportern erwartet wurde. Gleich nach dem Betreten amerikanischen Bodens kniete er sich nieder und küsste ihn. Ein Pressefoto, das ihn mit dieser Geste zeigt, ging um die Welt. Die Popularität half ihm beim Einstieg in das amerikanische Unterhaltungsgeschäft. Bald trat er in New York mit seinen Wiener Liedern auf und lernte dort Helly Möslein, seine Bühnen- und spätere zweite Lebenspartnerin, kennen.
Leopoldis Repertoire wurde an die neue Sprache angepasst. Mit „I am a quiet Drinker“ (I‘ bin a stiller Zecher ... drum mach I so ein Lärm) oder „A Little Café Down the Street“ (In einem kleinen Café in Hernals spielt's Grammophon mit leisem Ton an English-Waltz) konnten beide bald mit großem Erfolg eigene Vorstellungen in deutschsprachigen New Yorker Exilcafés, wie dem „Old Vienna“ oder im „Viennese Lantern“, und auch in anderen Städten der USA geben.
Ausfluss seiner amerikanischen Erfahrungen war wohl ebenso der Schlager „Schnucki, ach Schnucki! Fahr’ ma nach Kentucky. In der Bar Old Shatterhand, da spielt a Indianerband.“ Die Reimentsprechung von besagtem Schnucki und dem Staat Kentucky über ein gleichlautendes „u" war damals im deutschen Sprachraum noch weitgehend akzeptiert.
Leopoldi und Möslein kehrten 1947 nach Wien zurück. Leopoldi konnte dort weitermachen, wo er 1938 aufhören musste. Varietés und Vergnügungslokale rissen sich um ihn. Hits wurden u. a. „Der Krankenkassenpatient, der nur zum Doktor rennt ...“, „A guater Tropfen, so dreimal täglich, das ist die beste Medizin“, „I bin a unverbesserlicher Optimist, das Leben muss man nehmen, wie es ist“, „Schön ist so ein Ringelspiel! Das is a Hetz und kost' net viel“, „In der Barnabitengassen hat sie sich dann bitten lassen", „Powidltatschkerln aus der schönen Tschechoslowakei“ und derart spaßige Lieder mehr. Sein Werk umfasst gut hundert Chansons und Schlager.
Er unternahm Tourneen durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Viele seine Wiener Humoresken wurden als Schallplatte in Schellack gepresst. Darunter ein Klassiker schon zu seinen Lebzeiten, in dem es heißt:
 
„… Wird aus dem Buam ein junger Mann,  
was fangt man dann mit ihm nur an?
Und die Familie sagt dies und sagt das,
 jeder weiß etwas und keiner weiß was.
Schließlich sagt der Onkel Heinz:
Ich glaub, es gibt nur eins!
Am besten hat's ein  F i x a n g e s t e l l t e r
mit Pensionsberechtigung, mit Pensionsberechtigung.
Und wird er auch dabei täglich älter
die Pensionsberechtigung erhält ihn jung.
Er hat am Ersten nix, er hat am Zweiten nix,
aber was er hat, das hat er fix.
Doch die Gehaltsaufbesserung,
die bringt ihn erst in Schwung, Schwung, Schwung ...“
 
Was Leopoldi betraf, den sein notorischer Optimismus, wenn nicht „jung", so doch noch lange Zeit in „Schwung, Schwung, Schwung" gehalten hatte, war er letzthin 71 Jahre alt geworden, als er am 28. Juni 1959 das Zeitliche segnete. Auf dem Wiener Zentralfriedhof erhielt er ein Ehrengrab.
Dr. Erwin Isenberg